Mentoren
Resilienz ist kein Talent
Was ein robustes Gehirn wirklich braucht — nach Rick Hanson.
Manche Menschen wirken, als würde nichts sie aus der Bahn werfen. Der naheliegende Schluss: Sie müssen einfach so geboren sein. Der Neuropsychologe Rick Hanson widerspricht dem in seinem Buch Das resiliente Gehirn — Resilienz ist seiner Beschreibung nach kein Talent, sondern ein Muskel. Und wie jeder Muskel lässt er sich trainieren, oder eben verkümmern.
Ein Gehirn, das auf Gefahr programmiert ist
Der Ausgangspunkt von Hansons Arbeit ist eine unbequeme Tatsache: Unser Gehirn ist evolutionär darauf ausgelegt, Negatives stärker zu gewichten als Positives. Eine einzige scharfe Kritik wiegt gefühlt schwerer als zehn Komplimente. Das war einmal überlebenswichtig — wer eine Gefahr übersah, war schneller tot, als wer eine schöne Aussicht verpasste. Nur: In einem modernen Leben ohne Säbelzahntiger sorgt dieselbe Tendenz dafür, dass wir uns unverhältnismäßig oft an das Schlechte erinnern und das Gute achtlos vorbeiziehen lassen.
Hanson nennt das „Teflon für Positives, Klettverschluss für Negatives“ — gute Erlebnisse gleiten ab, schlechte bleiben hängen.

Das Gute bewusst aufnehmen
Hansons zentrale Übung heißt „Taking in the Good“ — das Gute bewusst in sich aufnehmen. Der Trick ist nicht, mehr positive Dinge zu erleben. Es passieren ohnehin ständig kleine gute Momente, die einfach zu schnell wieder verschwinden, um eine Spur zu hinterlassen. Der Trick besteht darin, bei einem guten Moment kurz innezuhalten — fünf, zehn, zwanzig Sekunden lang bewusst dabei zu bleiben, ihn wirklich zu spüren, statt sofort zur nächsten Aufgabe weiterzugehen.
Diese wenigen Sekunden reichen aus, damit sich eine Erfahrung neuronal stärker verankert. Wiederholt über Wochen, verändert sich langsam das Grundrauschen, mit dem man durch den Tag geht — nicht, weil weniger Schlechtes passiert, sondern weil das Gute nicht mehr spurlos verschwindet.
Biegen, nicht brechen
Ein hilfreiches Bild für Resilienz ist ein Schilfhalm im Wind: Er biegt sich weit, manchmal fast bis zum Boden — aber er ist verwurzelt genug, um sich wieder aufzurichten, sobald der Wind nachlässt. Ein starrer Ast dagegen bricht genau dann, wenn der Sturm zu stark wird. Resilienz bedeutet nicht, unbeweglich zu werden. Sie bedeutet, genug innere Verwurzelung aufzubauen, dass man sich nach jeder Biegung wieder aufrichtet.
Diese Verwurzelung entsteht laut Hanson nicht durch ein einzelnes einschneidendes Erlebnis, sondern durch viele kleine, fast unscheinbare Momente, in denen man sich sicher, verbunden oder wirksam gefühlt hat — und diese Momente bewusst hat wirken lassen, statt achtlos daran vorbeizugehen.
Ein Training, kein Ereignis
Der vielleicht wichtigste Punkt in Hansons Arbeit: Resilienz lässt sich nicht an einem Wochenende aufbauen. Sie entsteht durch Wiederholung — durch die Entscheidung, gute Momente immer wieder bewusst wahrzunehmen, bis daraus eine Gewohnheit wird. Genau das macht sie zugänglich für jeden, unabhängig davon, wie das eigene Gehirn bisher kalibriert war.
- Wann hast Du heute einen guten Moment zu schnell wieder losgelassen?
- Was würde passieren, wenn Du beim nächsten guten Gefühl bewusst zehn Sekunden länger bleibst?
- Biegst Du Dich gerade gerade — oder versuchst Du, starr zu bleiben?