Mentoren

Zufriedenheit in der zweiten Lebenshälfte

Was Hirschhausen und Esch über die U-Kurve der Lebenszufriedenheit herausgefunden haben.

Eckart von Hirschhausen und Tobias Esch beschreiben in Die bessere Hälfte etwas, das viele Studien mittlerweile bestätigen und das trotzdem überrascht: Zufriedenheit folgt über ein Leben hinweg eher einer U-Kurve als einer geraden Linie. Sie ist in der Jugend oft hoch, sinkt in der Lebensmitte spürbar ab — und steigt danach, in der zweiten Lebenshälfte, häufig wieder an, oft sogar über das Ausgangsniveau hinaus.

Das Tal der mittleren Jahre

Der Einbruch in der Lebensmitte hat einen nachvollziehbaren Grund: Genau in dieser Phase stapeln sich meist die meisten Verpflichtungen gleichzeitig — Karriere, Familie, vielleicht die Pflege der eigenen Eltern, dazu der leise Vergleich mit dem, was man sich mit zwanzig vorgestellt hatte. Es ist die Phase, in der am meisten gleichzeitig verlangt wird und am wenigsten Zeit bleibt, sich zu fragen, ob es noch stimmt.

Wer in dieser Phase steckt, kann sich immerhin an einem Gedanken festhalten: Der Einbruch ist statistisch normal, kein persönliches Versagen. Das verändert nichts an der Belastung, aber es nimmt der Situation etwas von ihrer Bedrohlichkeit.

Handgezeichnete Illustration: eine U-förmige Kurve wie ein Tal zwischen zwei Hügeln

Zufriedenheit über ein Leben hinweg — eher ein Tal als eine gerade Linie

Warum es danach oft wieder aufwärtsgeht

Interessant ist, was Hirschhausen und Esch als Gründe für den Wiederanstieg beschreiben: nicht plötzlich weniger Probleme, sondern eine veränderte Beziehung zu ihnen. Mit den Jahren verschieben sich die Maßstäbe — der Vergleich mit anderen verliert an Kraft, die eigenen Erwartungen werden realistischer, und was übrig bleibt, wird bewusster wahrgenommen. Das ist derselbe Mechanismus, den auch Rick Hansons Arbeit zur Resilienz beschreibt: nicht weniger schwierige Momente, sondern eine trainierte Fähigkeit, das Gute bewusster aufzunehmen.

Zufriedenheit in der zweiten Lebenshälfte ist selten ein Zufall — sie ist oft das Ergebnis veränderter Maßstäbe.

Was sich aktiv beeinflussen lässt

Die U-Kurve ist ein statistischer Durchschnitt, kein Schicksal. Beide Autoren betonen, dass sich der Verlauf aktiv mitgestalten lässt — durch soziale Verbindungen, die gepflegt statt nur verwaltet werden, durch Sinn, der bewusst gesucht wird, nicht nur durch Zufall entsteht, und durch die bereits erwähnte Fähigkeit, den eigenen Fokus zu lenken. Wer wartet, bis die Kurve von selbst wieder steigt, wartet oft länger, als nötig wäre.

Ein Gedanke fürs Tal, nicht erst für danach

Wer sich gerade mitten im Tal befindet, kann mit diesem Wissen etwas anfangen, ohne auf das Ende der Phase zu warten: Die Frage ist nicht, wie man den Einbruch vermeidet, sondern welche der oben genannten Stellschrauben — Verbindung, Sinn, veränderter Fokus — sich schon jetzt ein Stück drehen lässt.

  • Wo in Deinem Leben würdest Du Dich gerade auf der U-Kurve verorten?
  • Welche Erwartung an Dich selbst könntest Du realistischer justieren?
  • Welche Verbindung hast Du zuletzt eher verwaltet als wirklich gepflegt?
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