Mentoren

In der Sprache liegt die Kraft

Wie unsere Worte die Wirklichkeit formen, die sie eigentlich nur beschreiben sollen.

„Ich muss noch…“ — ein kleiner Satzanfang, den die meisten mehrmals täglich benutzen, meist ohne ihn zu hinterfragen. Die Sprachpsychologin Mechthild von Scheurl-Defersdorf zeigt in In der Sprache liegt die Kraft, wie viele solcher unscheinbaren Formulierungen tatsächlich eine innere Haltung mitschleppen — eine, die wir uns selbst gegenüber täglich wiederholen, ohne sie je bewusst gewählt zu haben.

„Ich muss“ versus „Ich will“

„Ich muss noch einkaufen“ klingt harmlos. Trotzdem markiert das Wort „muss“ eine Position: die eines Menschen, der fremdbestimmt handelt, auch wenn er in Wirklichkeit selbst entschieden hat, einkaufen zu gehen. „Ich will noch einkaufen“ beschreibt denselben Vorgang — aber aus der Position von jemandem, der handelt, statt behandelt zu werden.

Der Unterschied ist nicht nur semantisch. Wer den ganzen Tag in „Ich muss“-Sätzen denkt, erlebt sich selbst als getrieben, selbst wenn objektiv niemand ihn treibt. Das erinnert an das Muster hinter den inneren Antreibern: Auch dort ist es oft eine innere, unhinterfragte Stimme, die den Ton vorgibt — nicht die tatsächliche äußere Anforderung.

Handgezeichnete Illustration: eine Sprechblase, aus der sich formende, wachsende Linien lösen

Worte formen die Wirklichkeit, die sie eigentlich nur beschreiben sollen

Konjunktive, die Verantwortung verschleiern

Ein weiteres Muster: der Konjunktiv als Fluchtweg. „Man könnte ja mal…“ klingt nach einer Idee, ist aber oft eine Formulierung, die absichtlich vage bleibt, um sich nicht festlegen zu müssen. Wer stattdessen sagt „Ich werde“, übernimmt sichtbar Verantwortung — für sich selbst hörbar, nicht nur für andere.

Von Scheurl-Defersdorf beschreibt, wie sich solche Sprachmuster oft über Jahre einschleifen, meist unbemerkt, bis sie zur Standardsprache werden, mit der man sich selbst beschreibt. Die gute Nachricht: Weil es Gewohnheiten sind, lassen sie sich auch wieder verändern.

Wie Du über etwas sprichst, ist selten neutral — es formt mit, wie Du es erlebst.

Wörter, die Grenzen ziehen — oder auflösen

Auch im Gespräch mit anderen macht die Wortwahl einen spürbaren Unterschied. „Du machst mich wütend“ gibt die Verantwortung für das eigene Gefühl vollständig ab. „Ich werde wütend, wenn…“ beschreibt dasselbe Gefühl, behält aber die Urheberschaft bei sich. Das ist kein Zufall — es ist derselbe Grundgedanke, der auch der gewaltfreien Kommunikation zugrunde liegt: eigene Gefühle als eigene benennen, statt sie dem Gegenüber in die Schuhe zu schieben.

Eine Übung für eine Woche

Man muss die eigene Sprache nicht komplett umstellen, um von dieser Idee zu profitieren. Es reicht, für ein paar Tage bewusst zuzuhören, wie oft „muss“ statt „will“ fällt, wie oft ein Konjunktiv Verantwortung verwischt. Allein dieses Zuhören verändert oft schon etwas — nicht, weil man sich zwingt, anders zu sprechen, sondern weil einem auffällt, wie oft man es könnte.

  • Wie oft sagst Du „ich muss“, wenn eigentlich „ich will“ gemeint ist?
  • Welche Formulierung benutzt Du, um Dich vor einer Entscheidung zu drücken?
  • Wie würde sich ein Satz verändern, wenn Du die Verantwortung darin bei Dir behältst?
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